Technisches Jahr für junge Frauen

„Man muss nicht die Beste in Mathe sein“

, Text von Nils Wigger

Das Berliner Programm EnterTechnik ermöglicht jungen Frauen ein strukturiertes Orientierungsjahr in technischen Berufen – mit vier Praktika und begleitenden Seminaren. 80 % der Teilnehmerinnen entscheiden sich anschließend für eine Ausbildung oder ein Studium im MINT-Bereich.

Schulabschluss in der Tasche – und dann? Für viele junge Frauen ist der Weg ins Berufsleben nach der Schule ein Labyrinth aus Möglichkeiten: Ausbildung, Studium, dual, Praktikum, Freiwilligendienst. Der gesellschaftliche Druck, sich schnell und „richtig“ zu entscheiden, ist enorm. Das Berliner Programm EnterTechnik bietet hier eine bewusste Auszeit und einen strukturierten Kompass: Ein Jahr lang tauchen Schulabgängerinnen in vier dreimonatigen Praktika in technische – und punktuell auch handwerkliche – Berufsfelder ein. Flankiert wird diese Praxiserfahrung durch regelmäßige Seminare, Workshops und einen engen Austausch untereinander. Auch zwei Berliner Betriebe der Builtech Group beteiligen sich an der Initiative, um mehr Frauen für das Handwerk zu begeistern.

Dieses Modell des Kennenlernens hat sich bewährt. Rund 150 junge Frauen haben das Programm in den letzten Jahren durchlaufen. Beeindruckend ist die Quote: 80 % von ihnen haben sich anschließend für eine Ausbildung oder ein Studium im MINT-Bereich entschieden. EnterTechnik bietet damit einen wertvollen, praxisnahen Einstieg, der die Entscheidung für einen technischen Beruf fundiert untermauert.

Raus auf Montage

Eigentlich wollte Liselotte (20) sich nach dem Abitur „ganz normal“ für ein Studium bewerben. „Ich hatte diese diffuse Vorstellung, dass ich was ,Vernünftiges‘ machen müsste“, erinnert sie sich. Dann stieß sie auf EnterTechnik und merkte: Ein Orientierungsjahr war genau der richtige Schritt, um Hektik zu vermeiden, ohne auf der Stelle zu treten.

Ihr erstes Praktikum bei Jalousien Böttcher führte sie direkt ins handwerkliche Umfeld. Liselotte, die zuvor wenig Berührungspunkte mit dem Handwerk hatte, landete auf Montage. Sie erinnert sich an den ersten Tag: „Ich stand auf einer Baustelle und wusste nicht, wo ich anfangen soll. Überall Werkzeug, Männer in Warnwesten, Lärm.“ Die klassischen Fragen folgten: Wie läuft das hier? Und vor allem: Was darf ich als Praktikantin überhaupt machen?

Ihre Erfahrung fällt eindeutig aus: „Ich durfte eigentlich immer mit anpacken.“ Obwohl sie in einem überwiegend männlich geprägten Umfeld landete, war der entscheidende Faktor der Arbeitsalltag: ein respektvoller Ton und das Gefühl, ins Team eingebunden zu sein. „Das hat mich wirklich positiv überrascht“, sagt sie rückblickend. Zwar musste sie sich die Abläufe auf der Baustelle anfangs erarbeiten. „Man muss dranbleiben und mutig sein, wenn man Fragen hat“, beschreibt sie. Doch mit der Zeit wurde es Routine – und genau das gab Sicherheit.

Was ihr besonders gefallen hat: die Abwechslung. Unterschiedliche Einsatzorte, wechselnde Aufgaben, praktische Arbeit statt „nur zuschauen“. Nach drei Monaten nimmt sie vor allem eines mit: mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit Werkzeug und Technik. Für sie ist das nichts Abstraktes mehr, sondern etwas, das man versteht.

Struktur statt Bauchgefühl – und echte Begleitung

EnterTechnik ist nicht einfach nur „ein Praktikum“, sondern ein Jahr mit klarer Struktur. Das macht laut Sinje Schönpflug, Kooperationsverantwortliche bei EnterTechnik, den Unterschied. Die Teilnehmerinnen sind in den Praktika vollzeit im Betrieb. Einmal im Monat werden sie für Seminartage freigestellt. Dort geht es um Exkursionen (z. B. in weitere Unternehmen oder an Hochschulen) und um Themen, die im Berufsalltag entscheidend sind: Bewerbungsstrategien, wirtschaftliche Unabhängigkeit, Selbstbehauptung. Vor allem aber: Austausch. Viele schätzen diese Tage, weil sie dort die Erfahrungen aus den Betrieben spiegeln können – und merken, dass andere vor ähnlichen Fragen stehen.

Auch der Einstieg ist bewusst strukturiert. Bewerbungen sind ganzjährig möglich, anschließend lädt EnterTechnik zum sogenannten Tech-Casting ein – einem Auswahl- und Kennenlerntag. Schönpflug beschreibt das als „strukturiertes Auswahlverfahren“, bei den Interessentinnen nicht nur Infos bekommen, sondern auch Aufgaben lösen: von einem Mathetest über eine praktische technische Aufgabe bis zu Teamarbeit. „So bekommt das Team ein Gefühl für Interessen, Arbeitsweise und Potenziale – wichtig, um Teilnehmerinnen später passend Unternehmen zuzuordnen“, erklärt Schönpflug.

Win-win für beide Seiten

Für die beteiligten Betriebe – etwa Jalousien Böttcher und B.R.A.S.S.T. Elektrotechnik – ist das Technische Jahr mehr als nur ein Praktikum. Es ist ein strukturiertes Kennenlernen über mehrere Monate hinweg, mit echtem Einblick in Tempo, Anforderungen und Teamarbeit. Genau darin liegt der Nutzen: Beide Seiten gewinnen Klarheit, bevor es verbindlich wird.

„Die Möglichkeit, mal reingeschnuppert zu haben, Strukturen kennengelernt zu haben, Menschen kennengelernt zu haben und zu wissen, was mich erwartet, hat einen sehr großen Effekt“, sagt Schönpflug – und meint damit ausdrücklich auch die Perspektive der Unternehmen. Denn wer den Beruf bereits real erlebt hat, startet später anders in Ausbildung oder duales Studium: mit realistischen Erwartungen, mehr Zutrauen und weniger Abbruchrisiko. Schönpflug beobachtet, dass Absolventinnen „viel seltener ihre Ausbildung oder ihr duales Studium abbrechen“, weil sie wissen, was auf sie zukommt.

Gleichzeitig wirkt das Programm nach innen: Betriebe erleben im Alltag, dass Frauen selbstverständlich Teil des Teams sein können – und dass Vielfalt nicht „nice to have“, sondern handfest relevant ist. „Inzwischen ist bei allen durchgesickert, dass gemischte Teams die effektiveren, harmonischeren, dynamischeren Teams sind – und da gehören Frauen einfach dazu“, sagt Schönpflug. EnterTechnik helfe, daraus im Betrieb „eine neue Normalität“ zu machen. Viele Hürden, die oft im Kopf sitzen, würden „im praktischen Erleben abgebaut“, wenn Teams konkret miteinander arbeiten.

Mehr als Technik: Perspektive und Selbstvertrauen

Der zentrale Effekt zeigt sich oft erst am Ende des Jahres: Viele Teilnehmerinnen wachsen sichtbar. Schönpflug beschreibt es als beeindruckend, wenn man die jungen Frauen am Anfang und am Ende vergleicht – mit „einem neuen Selbstverständnis, einem Selbstbewusstsein“. Das Jahr sei ein Vollzeit-Realitätscheck direkt nach der Schule, „eine ziemliche Herausforderung“ – und genau daran wachsen viele. Was entsteht, ist nicht nur ein Berufswunsch, sondern Zuversicht: das Gefühl, „Ich hab das toll gemeistert, ich werde alles andere auch toll meistern“.

EnterTechnik setzt damit an einem Punkt an, der vielen den Einstieg schwer macht: dem Gefühl, man müsse bestimmte Voraussetzungen „mitbringen“, bevor man überhaupt anfangen darf. „Du musst nicht die Beste in Mathe sein. Das Interesse ist entscheidend – den Rest lernst du“, fasst Schönpflug den Ansatz der Initiative zusammen.

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